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700 Jahre Altlüdersdorf

Dass die Kirche sich in diesem Zustand präsentieren kann, ist schließlich dem gemeinsamen Arbeitseinsatz der Altlüdersdorfer geschuldet. Nach der Wende war die Kirche derart sanierungsbedürftig , dass alle mit anpackten.  Zur Wiedereinweihung der Kirche 2002 wurden Geldspenden akquiriert, die aber bei weitem nicht den Bedarf deckten und so geschah ein kleines Wunder: das Dorf wollte seine Kirche und setzte sich in unentgeltlichen Arbeitseinsätzen unermüdlich ein. 30 Männer arbeiteten nach Feierabend oder an den Wochenenden und es wurden immer mehr. Das Projekt Kirche schweißte die Dorfgemeinschaft zusammen, ob Christen oder Atheisten, alle brachten sich ein. Empore, Altar und Kanzel wurden eingebaut, ein Sponsor aus dem Ort ermöglichte sogar den Einbau einer Fußbodenheizung, der Fußboden wurde gegossen und tagelang arbeitet der Fachmann des Dorfes an der Verlegung der Bodenfliesen. Eine Woche vor dem Eröffnungstermin am 14./15. September 2006 ereilte das Team während eines Arbeitseinsatzes die furchtbare Nachricht, dass die Tochter des leitenden Fachmannes einen schweren Reitunfall hatte. Zwei Tage später verstarb sie, alle waren wie gelähmt vor Trauer und Mitgefühl. Statt der geplanten Trauung in der neuen Kirche sollte nun die Trauerfeier am 12.09. stattfinden. Bis kurz vor dem Eintreffen des Sarges wurde Tag und Nacht gearbeitet, um eine würdige Trauerfeier durchführen zu können – und es gelang. Das Miteinander der Dorfgemeinschaft war unbeschreiblich. Freude und Trauer schweißten alle zusammen und machten es möglich, dass „unser Siegfried“ seine Tochter in Würde zur letzten Ruhe bringen konnte.

Auch heute ist die Kirche das Wahrzeichen des Dorfes - Gemeinde gibt es aber kaum noch. Klar, bei Feierlichkeiten wie dem Jubiläum wird die Kirche und die Gemeinde mit einbezogen, die Eröffnungsveranstaltung zum Jubiläum hat dort stattgefunden, Allein es fehlt der Glaube - und es besteht auch hier wie so häufig in den Dörfern in Brandenburg die Gefahr, dass das Gebäude zu einem kulturhistorischen Zeugnis einer vergangenen Epoche wird. Christliche Werte sind sicherlich noch erkennbar, aber das Bekenntnis zum Glauben, das Wissen um Gottes Gegenwärtigkeit und Präsenz im eigenen Leben ist verloren gegangen. Das hat viele Ursachen, auch die Kirche selbst hat dafür Verantwortung zu übernehmen. So wie jede Institution hat sie sich von den Menschen entfernt und war und ist zu oft mit sich selber beschäftigt. Dabei verliert man schon mal das eigentliche Ziel aus den Augen - für die Menschen da zu sein, den Ungehörten und Bedürftigen zur Seite zu stehen und ihnen eine Stimme zu geben, einen Ort zu schaffen, wo das menschliche Sein abseits des Erfolgstrebens, des sich Messens und Vergleichens mit anderen  überflüssig ist, wo kein Gewinnstreben und persönliches Vorankommen Ziel des Engagements ist.

Brauchen wir das heute noch? Meiner Meinung nach mehr den je - zu viele Menschen sind verloren gegangen in Zeiten, wo die Schaffung von Arbeitsplätzen das oberste Ziel der staatlichen Daseinsvorsorge ist und nicht das Miteinanderleben. Wo die Schere zwischen Arm und Reich dermaßen auseinanderklafft, dass es die Mittelschicht immer weniger gibt - in einem der reichsten Länder der Erde.

Die Stimmen werden lauter, die das bemängeln und die das Verhindern des Auseinderbrechens der Gesellschaft als oberste Leitlinie der Politik fordern. Genau das wünsche ich mir auch von Kirche. Es gilt nicht, zu beschwichtigen oder zu trösten, es gilt, dieser Gefahr sowohl von unten in den Dörfern und Gemeinden als auch von oben mit der möglichen Einflußnahme auf Entscheider und Entscheidungen zu begegnen.

Bleiben Sie behütet!