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Segen 2.0

Eine erstaunliche Fortsetzung fanden meine Gedanken über die Kraft des Segens in einer Diskussion, die sich im Rahmen einer Gottesdienstvorbereitung gestern Abend entspann.

 

Der aaronitische Segen ist uns allen wohl bekannt, ein Ritual, mit dem wir in aller Regel zum Abschluss der Gottesdienste in die Welt da draußen entlassen werden.

 

Als Aaronitischen Segen bezeichnet man den in Num 6,22-27 überlieferten Priestersegen. Er wird zurückgeführt auf eine Offenbarung JHWHs an Mose, der Aaron, dem Erzvater des künftigen Priestergeschlechts, und seinen Söhnen den Auftrag geben soll, die Israeliten mit den folgenden Worten zu segnen:

 

 24 (a) JHWH segne dich (b) und behüte dich!

 25 (a) JHWH lasse leuchten sein Angesicht auf dich (b) und sei dir gnädig!

 26 (a) JHWH erhebe sein Angesicht auf dich (b) und gebe dir Frieden!

 (Bibelwissenschaften.de)

 

Rituale sind ungemein wichtig, sie prägen Leben und fördern Gemeinschaft. Es gibt zu-Bett-geh-Rituale, die von Kindesbeinen an helfen, Körper und Seele in den Ruhemodus zu bringen. Diese Rituale sind naturgemäß sehr individuell,

 

Daneben gibt es gemeinschaftliche Rituale, im Fußballstadion die La-Ola-Welle und die Fangesänge, es gibt Geburtstagsrituale usf. Die Wahlabende sind inzwischen auch ritualisiert : in der Runde der Parteivorsitzenden, die das Wahlergebnis analysieren, gibt es nur Gewinner...Silvester ist ein generations - und kulturübergreifendes Ritual - es schafft Weltgemeinschaft!

 

Sind Rituale generationsübergreifend? Die gestrige Diskussion zeigte schon, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Meines Empfindens nach ist schon die Sprache und der Duktus des Aaronitischen Segens etwas hölzern für jüngere Ohren. Ich behaupte mal, dass es für eine lebendige Gemeinde mit gemischter Altersstruktur selbstverständlich ist, nach und nach Rituale zu verändern, neue Wege zu gehen. Das Festhalten am Gewohnten ist ein Phänomen des Alters, nicht unbedingt nur in dem Sinne des „...das haben wir schon immer so gemacht..“. Es ist Heimat, Tradition, liebgewordene Gewohnheit.

 

Hier bei uns im ländlichen Raum und auch gesamtgesellschaftlich ist die gleichmäßige Verteilung der Altersgruppen nicht mehr gegeben. Die aktuelle Bevölkerungspyramide hat auch zur Folge, dass jüngere Generationen sich nicht so stark einbringen können wie die ältere Generation. Auch die kirchlichen Gremien und die Gemeinden sind dominiert von den geburtenstarken Jahrgängen und Senioren.

 

Rituale können und dürfen sich verändern. Der Segenszuspruch am Ende des Gottesdienstes ist unerlässlich – wir gehen in den Tag und die neue Woche getragen und und erfüllt vom Geist. Wie dieser Segen formuliert ist, ist m. E. dabei zweitrangig. Er muss unsere Herzen und Seelen erreichen, spürbar und erlebbar sein – eine Qualität, die meines Erachtens auch die Segenssprüche von Anselm Grün haben.

 

Wir sind gesegnet und wir sollen ein Segen sein.

 

Bleiben Sie behütet!